Herzerkrankung beim Hund: Das richtige Futter

Der vollständige Ratgeber – verständlich erklärt, wissenschaftlich fundiert

CG

Christopher Groß

Tierarzt und Doktorand der Tierernährung, Hannover

ACVIM 2019 FDA 2023 WSAVA 2021
Hund beim Tierarzt – Herzerkrankungen erfordern angepasste Ernährung

In 60 Sekunden: Das Wichtigste zur Herzdiät beim Hund

  • Natrium ist der kritischste Parameter – überschüssiges Kochsalz erhöht den Blutdruck und belastet das erkrankte Herz (ACVIM 2019)
  • Zielwert: < 0,35 % Natrium auf Trockensubstanz-Basis ab ACVIM-Stadium B2
  • Bei bestimmten Rassen (Golden Retriever, Boxer) und Grain-Free-Futter besteht ein möglicher Zusammenhang mit Taurinmangel – FDA-Untersuchung noch nicht abgeschlossen
  • L-Carnitin kann bei Rassen mit dokumentiertem DCM (Dobermann, Cocker Spaniel) sinnvoll sein
  • Omega-3 aus Fischöl (EPA/DHA) wirkt entzündungshemmend und verbessert den Herzmuskelstoffwechsel
  • SensiPet filtert nach Natriumgehalt auf TS-Basis: Jetzt Herzfutter vergleichen →

ACVIM-Stadien der Herzerkrankung beim Hund

Stadium ARisiko – keine ErkrankungKeine Diät nötigStadium B1Erkrankung, keine SymptomeNa < 0,50 % TS vorsorglichStadium B2Herzvergrößerung, keine Symp.Na < 0,35 % TS zwingendStadium C/DSymptomatisch / refraktärStrikte Na-Kontrolle, Kalorienerhalt

Eine Herzdiagnose beim Hund verändert den Alltag – für das Tier und für seinen Menschen. Doch neben Medikamenten ist die Ernährung eine der wenigen Stellschrauben, die Besitzer täglich beeinflussen können. Dieser Ratgeber erklärt, welche Nährstoffe wirklich zählen und warum manche verbreiteten Empfehlungen mit Vorsicht zu genießen sind.


1. MMVD und DCM – die zwei häufigsten Herzerkrankungen beim Hund

Herzerkrankungen beim Hund sind keine einheitliche Diagnose. Die mit Abstand häufigste Form ist die myxomatöse Mitralklappendegeneration (MMVD), bei der die Mitralklappe zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer zunehmend undicht wird. Betroffen sind vor allem kleine Rassen: Cavalier King Charles Spaniel, Dachshund, Chihuahua und Pudel erkranken besonders häufig.

Die zweithäufigste Form ist die dilatative Kardiomyopathie (DCM), bei der der Herzmuskel selbst degeneriert und das Herz sich vergrößert und erschlafft. DCM betrifft bevorzugt große und Riesenrassen: Dobermann Pinscher, Irischer Wolfshund, Große Dänische Dogge, Boxer und Dalmatiner.

ErkrankungBetroffene Rassen (Beispiele)Ernährungsfokus
MMVDCavalier, Dachshund, ChihuahuaNatriumkontrolle, Omega-3
DCMDobermann, Irischer Wolfshund, BoxerNatrium, Taurin, L-Carnitin, Omega-3

Beide Erkrankungen werden nach dem ACVIM-Konsensusdokument von 2019 in Stadien eingeteilt (A bis D), die die Behandlungsintensität – einschließlich der Ernährungsmaßnahmen – bestimmen.


2. Natrium – der kritischste Nährstoff

Bei herzerkrankten Hunden ist das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) dauerhaft aktiviert. Das führt unter anderem dazu, dass die Nieren mehr Natrium und Wasser zurückhalten – mit dem Ziel, den Blutdruck zu stützen. Was kurzfristig sinnvoll klingt, ist langfristig schädlich: Natrium- und Wassereinlagerung erhöhen die Vorlast des Herzens und beschleunigen den Krankheitsverlauf.

Die ACVIM-Leitlinien von 2019 empfehlen daher eine moderate Natriumrestriktion ab Stadium B2 – also sobald eine Herzvergrößerung nachweisbar ist.

ACVIM-StadiumNatrium-Empfehlung (TS-Basis)
A (Risiko, keine Erkrankung)Keine Restriktion
B1 (Herzerkrankung, kein Herzumbau)Mäßig < 0,50 % TS
B2 (Herzerkrankung mit Herzumbau)< 0,35 % TS zwingend
C/D (symptomatisch/refraktär)< 0,25–0,35 % TS, strikt

Quelle: ACVIM Consensus Guidelines 2019, Keene et al.

Achtung: Viele konventionelle Hundediätfutter liegen mit 0,4–0,8 % Natrium auf TS-Basis deutlich über den Herzdiät-Empfehlungen. Leckerlis, Kauknochen und insbesondere gesalzene Snacks können die Natriumaufnahme eines ganzen Tages übersteigen – diese müssen vollständig vermieden werden.

Zu starke Natriumrestriktion ist auch schädlich

Eine zu abrupte oder zu extreme Natriumreduktion kann das RAAS paradoxerweise aktivieren und die Herzbelastung erhöhen. Deshalb gilt: Natriumrestriktion schrittweise einführen und nie unter < 0,15 % TS gehen, außer auf ausdrückliche tierärztliche Anordnung.


3. Taurin und die Grain-Free-Debatte

Taurin ist eine schwefelhaltige Aminosäure, die beim Hund im Körper synthetisiert werden kann – im Gegensatz zur Katze, die Taurin als essentielle Nahrungskomponente zwingend benötigt. Dennoch gibt es Hunde, die unter bestimmten Bedingungen zu einem funktionellen Taurinmangel neigen.

Im Jahr 2018 begann die US-Arzneimittelbehörde FDA eine Untersuchung zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Grain-Free-Diäten (getreidefreie Futter mit hohem Anteil an Hülsenfrüchten wie Erbsen, Linsen und Kartoffeln) und einem erhöhten Auftreten von DCM bei bestimmten Rassen – darunter Golden Retriever, Labrador Retriever und Irischer Wolfshund.

Aktueller Stand (FDA 2023): Die FDA-Untersuchung ist nicht abgeschlossen. Ein direkter Kausalzusammenhang zwischen Grain-Free-Futter und DCM wurde bislang nicht bewiesen. Als Mechanismus wird diskutiert, dass Hülsenfrüchte die Taurinbioverfügbarkeit aus der Nahrung reduzieren oder die Taurinsynthese beeinträchtigen – möglicherweise durch die Wirkung von Phytaten und anderen antinutritiven Substanzen. Für Hunde mit DCM-Risiko empfehlen Kardiologen derzeit vorsichtshalber die Verwendung von Futter mit deklarierten Taurinwerten oder einem moderaten Hülsenfruchtanteil.

Wann Taurin-Supplementierung sinnvoll ist

Taurin sollte bei folgenden Konstellationen mit dem Tierarzt besprochen werden:

  • Große und Riesenrassen mit DCM-Diagnose
  • Hunde, die überwiegend Grain-Free-Futter mit hohem Hülsenfruchtanteil erhalten
  • Golden Retriever und Cocker Spaniel – diese Rassen scheinen besonders anfällig für Taurinmangel-DCM
  • Hunde mit niedrigem Plasma-Taurinspiegel (Bluttest möglich)

Die gute Nachricht: Bei Taurinmangel-bedingter DCM ist die Erkrankung in vielen Fällen reversibel, wenn Taurin substituiert und das Futter umgestellt wird (Smith et al. 2009).


4. L-Carnitin bei dilatativer Kardiomyopathie

L-Carnitin ist ein Transporter, der langkettige Fettsäuren in die Mitochondrien schleust, wo sie zur Energiegewinnung verbrannt werden. Da der Herzmuskel seinen Energiebedarf zu etwa 60–70 % aus der Fettoxidation deckt, ist eine ausreichende Carnitin-Verfügbarkeit für ein gesundes Herz essenziell.

Einige Dobermann Pinscher und American Cocker Spaniel zeigen bei DCM niedrige Plasma-Carnitinspiegel. Eine Carnitin-Supplementierung führte bei einem Teil dieser Tiere zu einer nachweisbaren Verbesserung der Herzfunktion (Sanderson 2006).

Tipp: L-Carnitin wird im kommerziellen Herzfutter meist nicht ausreichend deklariert. Wenn Ihr Tierarzt eine Carnitin-Supplementierung empfiehlt, wird diese üblicherweise als separates Pulver oder Kapsel gegeben – die typische Dosierung liegt bei 50–100 mg/kg Körpergewicht täglich, verteilt auf 2–3 Mahlzeiten.

5. Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA)

Die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure) aus Fischöl haben mehrere nachgewiesene positive Effekte bei Herzerkrankungen:

  • Antiarrhythmische Wirkung – Reduktion ventrikulärer Arrhythmien bei DCM-Dobermännern (Smith et al. 2007)
  • Entzündungshemmung – Reduktion proinflammatorischer Zytokine
  • Reduktion von Muskelschwund (kardiale Kachexie) – EPA hemmt proteolytische Enzyme
  • Verbesserung des Appetits bei kachektischen Herzpatienten

Futter mit deklariertem Fischöl- oder Lachsölzusatz ist daher für herzerkrankte Hunde bevorzugt einzusetzen. Alternativ kann Fischöl als Supplement zugegeben werden – übliche Dosierungen liegen bei 40–100 mg EPA+DHA pro kg Körpergewicht täglich.

Pflanzliche Omega-3-Quellen sind nicht gleichwertig: Leinöl enthält Alpha-Linolensäure (ALA), die der Hund nur sehr ineffizient in EPA und DHA umwandeln kann. Für therapeutische Zwecke ist Fischöl der Pflanzenöl-Quelle klar vorzuziehen.


6. ACVIM-Stadien und konkrete Fütterungsempfehlungen

Stadium A – Risikopatienten ohne Herzerkrankung

  • Keine spezifische Herzdiät notwendig
  • Ausgeglichenes Vollwertfutter, kein hochsalziges Futter
  • Für Hochrisikorassen (Cavalier, Dobermann): Grain-Free-Futter mit sehr hohem Hülsenfruchtanteil meiden

Stadium B1 – Herzerkrankung ohne Herzvergrößerung

  • Moderates Natrium: < 0,50 % TS
  • Hochwertige, verdauliche Proteinquellen zur Muskelmasseerhaltung
  • Omega-3-reiche Futtermittel bevorzugen

Stadium B2 – Herzvergrößerung, noch ohne Symptome

  • Natriumrestriktion: < 0,35 % TS – jetzt zwingend
  • Bei DCM-Rassen: Taurin- und Carnitinstatus prüfen lassen
  • Omega-3-Supplementierung (Fischöl) empfehlenswert
  • Handelsübliche Herzdiätfutter (Royal Canin Cardiac, Hills h/d) beachten

Stadium C/D – symptomatische Herzinsuffizienz

  • Strenge Natriumkontrolle < 0,25–0,35 % TS
  • Kalorienerhalt hat Vorrang – kardiale Kachexie ist lebensbedrohlich
  • Kleines Mahlzeiten mehrmals täglich (entlastet das Herz nach der Nahrungsaufnahme)
  • Engmaschige tierärztliche Kontrolle; Diuretika beeinflussen Elektrolythaushalt

7. Was auf dem Etikett steht – und was fehlt

„Natrium X %" – wird auf der Verpackung als as-fed-Wert angegeben. Für den Vergleich muss auf Trockensubstanz umgerechnet werden.

„Mit Lachsöl" – kein Garant für ausreichend EPA/DHA. Nur wenn EPA- und DHA-Gehalt separat deklariert ist, kann die Menge beurteilt werden.

„Taurin X mg" – in Europa selten deklariert. In den USA häufiger bei Herzdiätfutter angegeben.

„Cardio-Diät" oder „Herz-Diät" – kein gesetzlich definierter Begriff. Nur das Label „diätetisches Futter zur Unterstützung der Herzfunktion" (EU-Diätfuttermittelverordnung) hat rechtliche Grundlage.


8. Häufige Fehler bei der Ernährung herzerkrankter Hunde

Fehler 1: Gesalzene Leckerlis und Tischfutter weitergeben
Ein einzelner Salzcracker oder ein Stück Wurst kann die erlaubte Tagesnatriumdosis überschreiten. Alle Snacks müssen auf herzdiätverträgliche Produkte umgestellt werden.

Fehler 2: Grain-Free-Futter ohne kritisches Hinterfragen
Grain-Free ist bei herzgesunden Hunden meist unproblematisch. Bei DCM-Risikohunden oder Tieren mit bereits bestehender Herzerkrankung sollte Grain-Free-Futter mit sehr hohem Hülsenfruchtanteil (Erbsen, Linsen an erster Stelle in der Zutatenliste) gemieden und mit dem Tierarzt besprochen werden.

Fehler 3: Den Hund auf Diät setzen
Kalorienrestriktion ist bei Herzpatienten kontraproduktiv. Kardiale Kachexie – Muskelschwund durch die Herzerkrankung – ist ein eigenständiger Todesrisikofaktor. Das Körpergewicht muss erhalten werden.

Fehler 4: Kalium vergessen
Diuretika (vor allem Furosemid) führen zu Kaliumverlust. Ein Kaliumdefizit fördert Herzrhythmusstörungen. Blutkontrollen alle 3–6 Monate sind zwingend.

Fehler 5: Futter abrupt wechseln
Auch bei Herzpatienten: Futterwechsel über 7–10 Tage einschleichen, um Verdauungsstörungen zu vermeiden.


9. Fazit

Die Ernährung herzerkrankter Hunde ist komplex – aber kein Hexenwerk. Der wichtigste Schritt ist die konsequente Natriumkontrolle ab Stadium B2. Ergänzend können Omega-3-Fettsäuren, Taurin und L-Carnitin die Herzgesundheit unterstützen – je nach Rasse und Diagnose in unterschiedlichem Maß.

Die Grain-Free-Kontroverse zeigt, dass selbst gut gemeinte Fütterungskonzepte unerwartete Risiken birgen können. Deshalb gilt: Futterwahl immer in Absprache mit dem Tierarzt, der die Herzerkrankung betreut.

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Literatur & Quellen

  • Keene BW, Atkins CE, Bonagura JD et al.: ACVIM consensus guidelines for the diagnosis and treatment of myxomatous mitral valve disease in dogs. J Vet Intern Med. 2019;33(3):1135–1158.
  • Boswood A, Häggström J, Gordon SG et al.: Effect of pimobendan in dogs with preclinical myxomatous mitral valve disease and cardiomegaly: the EPIC study. J Vet Intern Med. 2016;30(6):1765–1779.
  • Freeman LM, Stern JA, Fries R et al.: Diet-associated dilated cardiomyopathy in dogs: what do we know? J Am Vet Med Assoc. 2018;253(11):1390–1394.
  • Sanderson SL: Taurine and carnitine in canine cardiomyopathy. Vet Clin North Am Small Anim Pract. 2006;36(6):1325–1343.
  • Smith CE, Freeman LM, Rush JE et al.: Omega-3 fatty acids in Boxer dogs with arrhythmogenic right ventricular cardiomyopathy. J Vet Intern Med. 2007;21(2):265–273.
  • US Food and Drug Administration (FDA): Investigation into potential link between certain diets and canine dilated cardiomyopathy. Update 2023. fda.gov
CG

Christopher Groß

Tierarzt · Doktorand Tierernährung, TiHo Hannover

Christopher Groß ist Tierarzt und Doktorand der Tierernährung an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Er befindet sich in der Weiterbildung zum Fachtierarzt für Tierernährung und Diätetik. SensiPet wurde von ihm entwickelt, um veterinärmedizinisches Ernährungswissen für Tierhalter*innen und Kolleg*innen zugänglich zu machen – auf Basis aktueller wissenschaftlicher Leitlinien, tierärztlich geprüft.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle tierärztliche Beratung. Bei Herzerkrankungen Ihres Tieres wenden Sie sich bitte an Ihren Tierarzt oder einen Fachtierarzt für Innere Medizin oder Kardiologie.

Letzte Aktualisierung: 24. April 2026 · © SensiPet · sensipet.de · Alle Angaben ohne Gewähr